Peru 3. Teil


Von Lima bis Arequipa (27.2. - 21.3.2012, 1128km, Total: 10262km)

Nach den faulen Tagen in Lima steige ich wieder auf den Velosattel und reise weiter der Küste entlang durch die heisse Wüste. Viele Reisende, sei es per Bus, Auto oder Töff, behaupten, dass es öde und langweilig sei. Ich kann dem nicht zustimmen. Es hat doch einige Flüsse die von den Anden her an die Westküste fliessen und so Landwirtschaft ermöglichen. Zudem wird auch durch künstliche Bewässerung hauptsächlich Reis angebaut. Einsame Srände und schroffe Klippen bilden die Küstenlinie. Ich fahre meist früh morgens los, denn mittags nimmt der lästige Südwestwind Fahrt auf und es wird unerträglich heiss. Am ersten Tag zelte ich an einem kleinen Strand wo es 2-3 Restaurans hat wo man sich im Schatten gemütlich erholen kann. Man geht hier auch fischen. Da es keine Mole gibt, müssen die Männer mit Lastwagenschläuchen statt Booten hinaus auf's Meer um die Netze ein- und auszuholen. Eine enorm kraftzehrende Angelegenheit im kalten Pazifik.

Die nächst grössere Stadt ist Pisco. Das peruanische hochprozentige Nationalgetränk mit gleichem Namen stammt nicht von hier wie oft irrtümlicherweise behauptet wird. Es wurde nur hier verschifft und deshalb auf den Fässern mit "Pisco" beschriftet. Auf diese Weise ist der peruanische Traubenschnaps also bekannt geworden.

Ab hier verläuft die Panamericana landeinwärts ins gebirgige Inland nach Ica. Die Stadt ist der Hauptort der gleichnamigen Provinz und bietet nicht viel und ich fahre am nächsten Morgen gleich weiter. Es sind 2 harte Tage durch die hügelige Wüstenlandschaft nach Nasca. Ich freue mich jeweils, wenn ich wieder eines der Rasthäuser erreiche, wo man essen kann und vor allem etwas kühles zu trinken bekommt. Auch hier muss man darauf achten, nicht nur zu trinken sondern auch Elektrolyt zu sich zu nehmen um nicht zu dehydrieren. (Hab ich das richtig geschrieben?) 
Ein paar Kilometer nördlich der Stadt, nach einem happigen Aufstieg, gelangt man an die steinige Wüste mit den weltbekannten Linien von Nasca. Gleich neben der Strasse hat man einen etwa 12 Meter hohen Aussichtsturm errichtet, wo man einen guten Ausblick auf 2 Figuren hat. Die Linien stammen aus der Pre-Inkazeit. Die Ureinwohner haben die riesigen geometrischen Figuren "freigescharrt". Unter den Steinen und einer feinen Sandschicht befindet sich weisses Silizium und so sind die riesigen Zeichnungen bis heute sehr gut sichtbar. Viele Touristen besichtigen die Linien per Flugzeug. Ich begnüge mich mit dem Ausblick vom Turm und mache eine Pause im Schatten und unterhalte mich mit den peruanischen Parkangestellen. Man verlangt 2 Soles für die Aussicht und so läppert sich doch eine stattliche Summe zusammen, denn jeder Touristenbus macht einen Halt hier.

Vor einigen Jahren hat ein starkes Erdbeben die Region um Ica und Nasca heimgesucht und besonders hier in Nasca sieht man wie schludrig der Wiederaufbau gemacht wurde. Die Häuserfronten und der Platz im Zentrum sehen zwar anmächelig aus aber das ist schon alles. Vor allem in Peru hält man nichts von Verputz und Farbe. Einerseits fehlt das Geld dazu, andererseits ist es den Leuten wurschtegal.

Weiter südlich, wieder an der schönen  und heissen Küste, treffe ich seit langem wieder einen Radwanderer. Er hat sich auf ein Schläfchen hingelegt und erst traue ich mich gar nicht, ihn zu wecken. Mit einem "hola amigo!" tue ich es dann dennoch. Es ist Jason aus England. Bereits seit 2 Jahren tingelt er, von Mexico aus startend, durch Mittel- und Südamerika. Töpfe, ein Didgeridoo und Sachen in Plastiksäcken  sind auf dem Packsack des Trailers mit Gummibändern befestigt. Das Material scheint allgemein schon recht gelitten zu haben auf seiner Wanderschaft. Zusammen fahren wir zur nächsten Ortschaft Chala. Ein hässliches Versorgungskaff für Lastwagenfahrer und Reisende. Immerhin hat es ein passables Hotel wo wir uns einquartieren. Jason geht gleich zum örtlichen Velomechaniker und besorgt sich für umgerchnet kaum 2 Franken ein neues Pedal. Immerhin konnte er eines auftreiben. Über die Qualität des Dings brauche ich hier keine weiteren Worte zu verlieren. Hauptsache es hält wieder für ein paar Kilometer.

Wir kommen mit einem argentinschen Töffreisenden ins Gespräch und er schlägt uns vor, mit ihm doch auf ein Bier zu gehen. Es werden dann doch 2-3 daraus. Am nächsten Morgen, ich weiss heute noch nicht warum, oder war es vielleicht das Bier, haben Jason und ich beide Durchfall. Es ist nicht arg und so fahren wir trotzdem los. Bei einer der zahlreichen Pausen, kucke ich mir Jason's Velo etwas näher an und sage ihm, dass die Felgen schon recht abgenutzt seien von den Bremsen. Kaum eine halbe Stunde später, bei einer Abfahrt, hält Jason an und meint er habe einen Platten. Beim näheren Hinsehen erkennen wir, dass eben die hintere Felgenwand eingedrückt ist vom Bremsklotz. Ende Feuer! Die Felge ist durch und Jason kann froh sein, hat er sofort abgebremst, denn er hätte fürchterlich stürzen können.
Wir beraten im zum Glück nahen Rasthaus wie es weitergeht. Es gibt nur eine Alternative: Jason muss per Bus oder Autostopp nach Arequipa und dort neue Felgen besorgen. Ich möchte die Strecke jedoch unbedingt mit dem Velo machen. Also verabschieden wir uns und machen ab, in Kontakt zu bleiben und später evtl. wieder zusammen zu pedalen.
Am Abend erreiche ich total erschöpft das in einem grünen Tal gelegene Dorf Ocoña. Am nächsten Morgen steige ich nicht auf's Velo, sondern muss in die Apotheke rennen, denn der Durchfall plagt mich deftig. Praktisch den ganzen Tag liege ich im Bett der bescheidenen Unterkunft. Abends geht es mir wieder besser und ich kann  im Gasthaus das einfache Menu mit Suppe zu mir nehmen. Das Leben in den kleinen Dörfern ist bedeutend einfacher als in den Städten.

Vor dem Aufstieg nach Arequipa mache ich in der Küstenstadt Camana,  noch einen faulen Tag. Ich möchte ausgeruht wieder hinuaf in die Anden fahren.

Nach etwa 10 Kilometern steigt also die Strasse an und führt östlich in die kahlen Berge. Auf dem Weg nach Arequipa hat es ein Tal oder besser gesagt eine Hochebene welche dank Bewässerung fruchtbar gemacht wurde. Getreide, Früchte und Gemüse wird angebaut aber auch Viehwirtschaft wird betrieben. Ich würde sagen, dass beste Yoghourt Perus wird hier in den Molkereien angeboten.
Nach drei Tagen erreiche ich dann die zweitgrösste Stadt des Landes. Arequipa ist trotzdem nur ein Dorf verglichen mit Lima. 1-2 Millionen Menschen leben hier wie ich mir sagen lasse. Das Stadtzentrum und die Plaza de Armas sind noch kolonial erhalten und Die Strassen gepflastert mit Naturstein. Es herrscht kein Gehetz wie in Lima und das Leben ist viel gemächlicher als in der Hauptstadt. Mir gefällt's.
Vor etwa 25 Jahren war ich hier als Rucksäckler und habe den Gipfel des Hausbergs, besser gesagt des "Hausvulkans", des etwa 5800 Meter hohen Misti erwandert.  Ohne Kletterausrüstung kann man diesen Bilderbuchvulkan besteigen. Es herrscht jetzt, ende März, immer noch Regenzeit und deshalb kann man nur am Morgen früh die Aussicht auf den Vulkan und die weissen Gipfel bestaunen.

Es hat selbtsverständlich gute Konditoreien und feinen Kaffee hier, was ich sehr zu schätzen weiss. Die Küche Perus ist sehr abwechslungsreich. An der Küste habe ich fast jeden Tag einmal Ceviche gegessen. Rohe Fischstücklein, und/oder Meeresfrüchte in Limonensaft oder "Tigermilch", gerösteter Mais und etwas Salat, sind die Zutaten. Bei der Tigermilch kenne ich das genaue Rezept nicht. Der Limonensaft wird auf alle Fälle mit etwas Milch angereichert. Den "Cuy" habe ich nur einmal probiert. Meerschweinchenfleisch schmeckt vielleicht ähnlich wie Kaninchen, es hat jedoch nur wenig Fleisch am Knochen gehabt. Hätte wohl besser gleich ein Ganzes bestellen sollen. Schweinefleisch esse ich nur ganz selten hier, da ich sie zu oft am Strasssenrand im Müll herumwühlen sehe. Von den hunderten der Kartoffelsorten die es allein in Peru geben soll, habe ich nicht viel gesehen resp. gegessen. Auf den Indiomärkten entdeckt man diese noch am ehesten. Stattdessen fehlt Reis auf keinem Teller. Hühnchen ist am meisten verbreitet und das billigste Fleisch und wird in riesigen Mästanlagen produziert. Ich habe einige im Küstenbereich gesehen und gerochen. In den Anden kommen natürlich noch Lama- und Alpacafleisch dazu. Forelle ist auch sehr beliebt in der Region um den Lago Titicaca oder andere Gegenden im Hochland. Es hat inzwischen auch Forellenzuchten im grossen Stil. So vielseitig die Küche auch ist, viele Peruaner müssen sich mit Reis und Bohnen zufrieden geben, da der gesetzliche Mindestlohn kaum für mehr ausreicht. Hungernde gibt es in Peru bzw. ganz Lateinamerika leider immer noch.


Weiter bis an die bolivianische Grenze (27.3. - 8.4.2012, 452km, Total: 10714km)

Es gibt von Arequipa aus eine ungeteerte Strasse nach Puno hinauf. Diese ist jedoch nur ausgesprochenen Schotterpistenfreunden zu empfehlen und in der Regensaison kaum fahrbar mit dem Velo, da man nur zu schnell im Morast stecken bleibt. Also fahre ich auf der geteerten Hauptverbindung via Juliaca zum Altiplano.
Am ersten Tag, so etwa nach 50 Kilometern erreiche ich ein SEHR einfaches Restaurant. Die Leute leben in einer Behausung aus Strohgeflecht und Plastikplanen. Man bedenke die Höhe und die entsprechende Kälte die nun vorherrscht, so um die 3500m ü. M. Man legt dann einfach noch einen Poncho oder Pulli drüber bis die Kleidungsschichten ausreichen, um sich warm zu halten. Die Leute sind jedoch sehr freundlich und ich esse das einfache Menu bevor ich etwas abseits mein Zelt aufstelle.Am Morgen ist die Aussicht auf den Misti supereinmalig. Auch der Gebirgszug nebenan ist postkartenreif. Ich trinke meinen Morgenkaffee während ich dieses herrliche Panorama geniesse. Viele Leute fragen mich, warum ich mit dem Fahrrad reise. Ich weiss jeweils keine gute oder aureichende Antwort. Solche kurzen Momente mit dieser herrlichen Landschaft und dem Kaffee in der Hand wären mindestens eine guter Versuch. Oder habe ich zuviel Marlboro- und Camelwerbung im Kino gesehen...?

Die Luft wird allmählich dünner und immer öfter muss ich eine Verschnaufpause einlegen in den Rampen. Auch längere Steigungen muss ich nun schieben. Um die Mittagszeit erreiche ich eine grosse Hochebene wo vereinzelt Vicuñas weiden. In Imata, eines der wenigen Dörfer auf dem Weg, esse ich etwas und lasse mir eine Unterkunft zeigen. Es ist nur ein kalter Raum aus Beton mit einem Bett drin. So fahre ich weiter mit dem Plan, in 2-3 Stunden in der Pampa zu zelten. Vor mir verdunkelt sich der Horizont. Es zieht ein böses Unwetter auf. Ich kann mich gerade noch in das glücklicherweise nahe Rasthaus retten. Es beginnt zu hageln und darauf setzt Schneefall ein. Der junge Wirt erlaubt mir, das Zelt in einem der leerstehenden Gebäude aufzustellen, worüber ich sehr dankbar bin.
Am Morgen schneit es immer noch und es liegen etwa 15cm Schnee auf der Pampa. Die Strasse ist jedoch aper und nach dem Frühstück radle ich wieder los.
Auf der entgegenkommenden Strassenseite parkt ein Pickup mit einem kolumbianischen Nummernschild. Die Frau ruft mir zu: "willst du einen Kaffee?" "Sehr gerne nehme ich einen kolumbianischen Kaffee. Der Peruanische taugt nicht viel", füge ich noch hinzu. Sie heisst Alba und kommt aus Bogota, Kolumbiens Hauptstadt. Sie reist seit einigen Monaten in Lateinamerika herum und ist nun auf dem Heimweg. Aus einer Thermosflasche füllt sie 2 Tassen und wir unterhalten uns eine Weile bevor jeder wieder seinen Weg aufnimmt.
Ein paar Hügel weiter erreiche ich die Anhöhe, von der man auf  den herrlichen Bergsee "Laguna Lagunillas" hinunterblickt. Heute sieht es besonders toll aus, weil auf den umliegenden Bergen Schnee liegt. Es hat ein paar Stände am Strassenrand wo Indios Kappen und Kleider aus Alpacafell- und Wolle verkaufen. Wenn es nicht so früh wäre, würde ich nur zu gerne hier campen. Unbezahlbar diese Aussicht.
Am späteren Nachmittag, das Gelände ist nun flach und die Strasse führt einem Fluss entlang, erreiche ich Cabanillas. Auch hier sehe ich, dass es in Kürze zu regnen beginnen wird. Das Hotel an der Hauptstrasse ist ausgebucht und so lande ich in einem alten spanischen Herrschaftshaus, welches ein älteres Ehepaar in eine Herberge umfunktioniert hat. Es hat zwei grosse quadratische Innenhöfe welche mit Naturstein gepflastert sind. Das Zimmer ist sehr einfach aber die Dusche ist heiss und ich bin im Trockenen. Der Mann ist über 80 Jahre alt, sieht aber bedeutend jünger aus. Seine Frau ist mit tiefen Furchen gezeichnet. Man müsste die Zimmer etwas aufpeppen und dann wäre das hier ein super Hotel mit Landgasthaus. Darüber sind wir uns einig.
Die Stadt Juliaca lasse ich links liegen, resp. fahre einfach ohne anzuhalten durch das Zentrum, denn zuviele Leute haben mir erzählt, dass die Ortschaft hässlich sei und es von "Rateros" (=Dieben) wimmeln soll. In einem kleinen Dorf treffe ich auf 4 Radfahrer aus der Schweiz. Die 2 Pärchen haben sich unterwegs getroffen und fahren nun zusammen. Sie sind auch schon etwa 8 Monate "on the road" wie ich und haben in Feuerland ihre Reise begonnen. Sie möchten heute noch ein rechtes Stück vorwärts kommen und so unterhalten wir uns nicht lange und verabschieden uns.

Kurz vor Puno geht es nochmals über einen Berg und auf der Passhöhe hat man einen guten Ausblick auf den Titicacasee und die Stadt. Das Gewässer ist der höchstgelegene schiffbare See der Welt auf etwa 3600m. ü. M und Puno das kommerzielle und kulturelle Zentrum. Die Bewohner sind Nachkommen der Inkas und stolz darauf. In den Strassen sieht man noch viele Frauen in sonntäglichen bunten Trachten. Tourismus ist sicherlich die Haupteinnahmequelle wenn ich all die Hotels und Restaurants  im Zentrum sehe. Es ist jedoch jetzt Nebensaison, ziemlich ruhig und sehr angenehm. Ein paar faule Tage darf man hier schon machen.

Am Ortsende von Llave hat es einen Kontrollposten. Ein holländisches Paar, mit einem Reisecamion von Bolivien kommend, bittet mich um Hilfe als Übersetzer. Ich ahne nichts böses und helfe den beiden gerne, mit der Polizei zu reden. Die beiden Uniformierten sind bewaffnet und haben bereits die Reisepässe "eingesackt". Unter dem billigen Vorwand, sie hätten die Abblendlichter des Camions nicht eingeschaltet, fordern sie die Höllander auf, satte 100 US$ "Busse" zu zahlen.  Die Sache endet (leider) mit der Bezahlung der "Busse" und es tut mir im Nachhinein sehr leid, dass es soweit hat kommen musste. Mit geschickterer Verhandlung  hätte man bestimmt den Betrag herunterfeilschen können aber auf diese Situation war ich völlig unvorbereitet. Zudem wollte ich mich nicht allzusehr  in die Sache hineinziehen lassen. Diese korrupten Kerle haben ein fein inszeniertes Theater abgezogen. Einer spielt den Bösen und Beleidigten um uns Angst einzujagen und dann verhandelt man mit dem "Guten".  Die Sache beschäftigt mich noch lange. Einerseits war ich bestimmt sehr naiv, andererseits hatten die beiden Banditen die Pässe in ihrem Besitz und somit war von vornherein wohl nicht viel zu machen.

Am Nachmittag erreiche ich die Ortschaft Juli, wunderschön gelegen am Titicacasee, und übernachte dort ein letztes Mal in Peru. Ich muss zugeben, nach dem Vorfall in Llave bin ich froh,  am nächsten Tag, etwa nach 50 Kilometern, in Bolivien anzukommen.





Über mich

Sucre, Chuquisaca, Bolivia